Hungrig nach Kunst

Wie in Nordhessen die wichtigste Ausstellungsreihe für Gegenwartskunst entsteht

Kunstwerke von Theo van Doesburg, Max Bill und Josef Albers
documenta archiv / Foto: Erich Müller

Der Ritt über den Bodensee

Warum es 1955 gelingen kann, in Kassel die Documenta zu etablieren, erklärt Bode später folgendermaßen: „Ich bin der Meinung, dass die documenta 1 ein Versuch war, und dieses Wagnis – man kann wirklich sagen, dass wir damals einen Ritt über den Bodensee gewagt haben – gelungen ist, weil die Anerkennung von draußen kam, das heißt von der internationalen Presse und der deutschen Presse und die Besucher kamen, was erstaunlich war. In diesem leeren Raum Deutschland war auf einmal das geschehen, was wir gar nicht erwartet haben, dass die Menschen durstig und hungrig waren, das zu sehen, was damals, in der furchtbaren Zeit, nicht getan wurde.“

Zudem schicken die großen Museen und Galerien aus Paris, New York und Amsterdam Leihgaben, ohne die Bode die Ausstellung nicht hätte bestücken können. Plötzlich kommen europäische und amerikanische Museumsdirektoren, Künstlerinnen und Künstler, Kunstgelehrte, Galeristen, Sammler, Kulturpolitiker, Verleger und Journalisten. Eine Zielgruppe, die bisher nur die Biennale Venedigs als Weltausstellung der aktuellen Kunst akzeptierte, macht nun zum ersten Mal Station in der Stadt an der Fulda. 

Kühne Inszenierungen, kluge Bezüge

Arnold Bode setzt in seinem wohldurchdachten Ausstellungsdesign nicht nur Werke zueinander in Beziehung, sondern auch die Betrachterinnen und Betrachter mit den Kunstwerken. Wilhelm Lehmbrucks Kniende von 1911 steht symbolträchtig im Zentrum der Rotunde, über ihr – im Treppenhaus – hängen Gemälde des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer aus den 1920er Jahren.

Rotunde mit Werken von Wilhelm Lehmbruck und Oskar Schlemmer
documenta archiv / Foto: Günther Becker
Oskar Schlemmer, "Ruheraum", 1925
Gemeinfrei

Am Ende der Skulpturenhalle im Erdgeschoss thronen Henry Moores „König und Königin“ von 1953, davor befinden sich in lockerer Anordnung abstrakte Skulpturen von Hans Arp, Raymond Duchamp-Villon und Barbara Hepworth sowie Mobiles des US-Amerikaners Alexander Calder. 

Ende des Skulpturensaals mit Kunstwerken von Alexander Calder, Mirko und Hans Mettel
documenta archiv / Foto: Günther Becker

Als Sitzmöglichkeiten in den Ausstellungsräumen dienen kleine Hocker, die Arnold Bode – ebenso wie das Mobiliar des „Café Picasso“ im zweiten Geschoss der Rotunde – selbst entworfen hat.

„(…) die unsagbaren Dinge des Lebens festzuhalten (…), dieses schaurig zuckende Monstrum von Vitalität in glasklare scharfe Linien und Flächen einzusperren (…).“

Max Beckmann
"Myxomatose" von Alexander Calder
documenta archiv / Foto: Werner Lengemann
Großer Malereisaal
documenta archiv / Foto: Erich Müller

Im großen Malereisaal im Obergeschoss hängt Picassos „Mädchen vor einem Spiegel“ von 1932 – ihm gegenüber das 1955 eigens für die Documenta geschaffene Gemälde „Komposition vor Blau und Gelb“ von Fritz Winter – eine gewagte Gegenüberstellung, die symbolisch für den Anschluss Deutschlands an das internationale Kunstgeschehen stehen soll.

Pablo Picasso, "Mädchen vor einem Spiegel", 1932
gemeinfrei
Großer Malereisaals im Museum Fridericianum
documenta archiv / Foto: unbekannt
Großer Malereisaals im Museum Fridericianum
© documenta archiv (Dauerleihgabe der Stadt Kassel) / Foto: Günther Becker
Fritz Winter, "Komposition vor Blau und Gelb", 1955
Fritz-Winter-Haus Ahlen, Fritz-Winter-Atelier Dießen
In der Mitte das Bild "Gelb-Rot-Blau" (1925) von Wassily Kandinsky, im Vordergrund zwei Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner
documenta archiv / Foto: Günther Becker

Weitere wichtige Positionen sind unter anderem Max Beckmann mit dem Perseus-Triptychon von 1941, Giorgio de Chirico, Wassily Kandinsky, für den ein eigener Raum eingerichtet wird, Paul Klee, Henri Matisse und Piet Mondrian.

Wassily Kandinsky, "Gelb Rot Blau", 1925
Gemeinfrei
Paul Klee, "Floating"
Gemeinfrei
Gemälde von Paul Klee in dem ihm gewidmeten Raum im hinteren Teil der Rotunde des Museums Fridericianum – die Plastik stammt von Wilhelm Lehmbruck, die Skizze vorne rechts von Otto Meyer-Amden
documenta archiv / Foto: Günther Becker